Queerstiftis

Queere Stipendiat*innen und Alumni*ae

der Studienstiftung des deutschen Volkes

Workshops

1. Phantastische Phalluswesen und wo sie zu finden sind

Beobachtungen zu unserer Sprache und dem Ausdruck negativer Emotion
Arschloch! Fuck you! Vaffanculo! Fode-se! ¡Puto coño! Enculé! Du-te-n ma-ta! – Das Sexuelle ist nicht zu überhören in unserem Sprachausdruck. Zwar ist das Prestige derber sexbezogener Ausdrucksweise bzw. jener, die sich ihrer bedienen, meist eher gering – oft als vulgär abgestraft, im besten Fall als Teil von Populärkultur geduldet –, das Tabu scheint dem regen Gebrauch dennoch keinen Abbruch zu tun.
Besonders dominant ist der sexbezogene Ausdruck beim Schimpfen – und selbstverständlich beim Fluchen. Unter dem Eindruck starker Empfindung greifen wir bereitwillig auf ein wenig dynamisches, dafür spürbar effizientes sprachliches Repertoire zurück, das unserer Emotion Luft zu machen vermag.
Ausgehend von der Untersuchung diskriminierender Ausdrücke gegen Homosexuelle in den sechs großen romanischen Sprachen (Portugiesisch, Spanisch, Katalanisch, Französisch, Italienisch und Rumänisch), komme ich zu dem Schluss, dass dem feuchtfröhlichen Sexbezug in unserer Sprache ein Muster zugrunde liegt: der potente Penis dominiert.
Der Phallus dominiert mindestens seit der Antike. Unsere Sprache als Abbild gesellschaftlicher Strukturen verrät sogar, dass sich unser Geschlechterbild im Vergleich zur griechisch-römischen Weltkonzeption erstaunlich wenig weiterentwickelt hat.
Sprache bildet allerdings nicht nur ab, sondern sozialisiert und weist ihren Lernenden erstmal konzeptionelle Grenzen auf. Es wird daher dringend Zeit, dass wir über unsere Sprache sprechen!
Der Workshop wird versuchen, sprachwissenschaftliche Kategorien nicht zu vernachlässigen, setzt jedoch keineswegs vertieftes Wissen in diesem Fachbereich voraus. Im Falle emotionaler Überforderung mit den Themen des Workshops sind wir frei, jederzeit eine Pause einzulegen oder zu unterbrechen.

Freitag

2. Safe Spaces

Safe Spaces sind ein weitverbreitetes Instrument in queeren und feministischen Kontexten – und ein äußerst umstrittenes. Sowohl im Feuilleton als auch innerfeministisch wurde in den letzten Jahren zunehmend Kritik an dem Konzept laut, von rechtspopulistischer Seite werden Safe Spaces wiederholt diffamiert. Zuletzt ruft die aktuelle Corona-Krise die Thematik erneut auf den Plan. Die Frage nach dem Zusammenhang von Sicherheit und Queerness stellt sich nun mit neuer Dringlichkeit. In dem Workshop gehen wir dem Instrument der Safe Spaces auf den Grund und diskutieren seine politischen und transformativen Potenziale. Mit Blick auf die USA beschäftigen wir uns zunächst mit der wechselhaften, vielfältigen Geschichte dieser Räume. Anschließend betrachten wir verschiedene Safe-Space-Modelle in der Gegenwart. Der Großteil des Workshops ist einer gemeinsamen Diskussion gewidmet, in der wir über verschiedene Positionen zu Safe Spaces sprechen, inklusive unser eigenen.

Freitag

3. Trans* und Elternschaft

In meinem Workshop möchte ich das veraltete, sogenannte traditionelle Familienbild ganz auf den Kopf stellen, indem ich euch einen Einblick in das Thema Trans* und Elternschaft gebe. Wir werden erfahren, was Elternschaft bedeuten kann, wie Trans*Personen Eltern werden und als Eltern leben. Außerdem schauen wir uns an, welche Herausforderungen ihnen auf ihrem Weg zur bzw. als Familie begegnen und wie sich Diskriminierung für dieses Familienmodell äußert. Gemeinsam überlegen wir uns auch, wie Veränderung konkret aussehen kann, damit Regenbogenfamilien im Allgemeinen, sowie solchen mit Trans*Eltern mehr Sichtbarkeit verliehen werden kann.
Ich freue mich über alle Menschen, die sich sowohl persönlich als auch fachlich für das Thema interessieren.

Freitag

4. Un_Wichtigkeiten - Are my personal values queerer than I think?

„Was ist mir wirklich wichtig?“
Wir nutzen die Antwort auf diese Frage in der Führungskräfteentwicklung, bei Karriere- und Lebensentscheidungen sowie bei Unternehmensgründungen. Doch was passiert, wenn man diese Frage in einem queeren Kontext stellt?
In diesem Selbsterfahrungs- und Selbstreflexionsworkshop wirst Du Deine eigenen persönlichen Werte suchen und versuchen, einige zu benennen. Im Anschluss werden wir in kleinen Gruppen über die „Queerness“ unserer persönlichen Werte nachdenken und konkrete Schritte herausarbeiten, die jede*r umsetzen kann, um die eigenen Werte künftig mehr zu leben.
Florian Prittwitz-Schlögl, Mitgründer der Queer Stiftis und professioneller Coach, leitet diesen Workshop. Alles ist freiwillig und vertraulich. Deine Teilnahme ist aber nur sinnvoll, wenn Du Lust hast, Deine persönlichen Themen einzubringen. Der Workshop ist nicht akademisch gedacht, sondern als Ort der Selbstreflexion und des gegenseitigen persönlichen Austausches.

Freitag

5. Zwischen Sichtbarkeit und Stereotypen – Queer Culture in den Medien

Queere Personen sind mittlerweile in diversen Medienformaten präsent: Rupaul’s Drag Race läuft seit zwölf Staffeln, die Serie Pose wurde mit einem Emmy ausgezeichnet und auch bei Germany’s Next Topmodel nehmen Transfrauen teil. Dennoch sollte kritisch hinterfragt werden, ob das, was gezeigt wird und passiert, eigentlich die Akzeptanz von LGBTQIA*-Personen steigert oder Vorurteile reproduziert und Lebenswelten sensationalisiert.
Ich würde den Workshop gerne dazu nutzen das Thema der medialen Inszenierung von queerer Kultur aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht aufzubereiten und eine Debatte über Sinnhaftigkeit der Inszenierung und aktuellen Entwicklungen zu starten. Es sind ausdrücklich keine medienwissenschaftlichen Vorkenntnisse nötig!

Freitag

6. „A free man is gay and loves women“: Mario Mieli, Towards a Gay Communism

Im Workshop wollen wir das 5. Kapitel („A Healthy Mind in a Perverse Body“) von Mario Mielis Towards a Gay Communism diskutieren. Mario Mielis Manifest erschien erstmals 1977 in Italien und wurde nun 2018 posthum neu verlegt. Mit Bezug auf verschiedene philosophische Strömungen und vor allem marxistische und psychoanalytische Theoretiker*innen argumentiert er für das revolutionäre Potential der Befreiung homosexuellen Begehrens und wirft ein neues Licht auf Kommunismus als eine Wiederentdeckung der Körper und ihrer universellen, kommunikativen Fähigkeiten zu Liebe und Sexualität. Dabei stellt er sich den konventionellen Diskursen von Politik, Recht und Psychiatrie entgegen und versucht, im homosexuellen Sein eine konkrete revolutionäre Dialektik und eine utopische Perspektive zu vereinen. Im fünften Kapitel diskutiert er u.a. die Negation des Begehrens im Kapitalismus, die Verbindungen zwischen Homosexualität und Wahnsinn und die Möglichkeit von Liebesbeziehungen zwischen Homosexuellen und Frauen.
Ich bin kein Experte der Queer Theory, freue mich aber auf einen offenen Austausch mit Euch. Ihr erhaltet Zugang zum ganzen Buch, lesen wollen wir in Vorbereitung auf das Seminar zumindest das 5. Kapitel (179-207). Es lohnt sich auch ein Blick in die Vorbemerkungen, da sich dort die Herausgeber*innen um eine historische Einordnung bemühen und seine Begrifflichkeit erläutern, die heute z.T. veraltet und pejorativ ist. Bis dann!

Samstag

7. A_sexualität als unsichtbare Orientierung?

Asexuell. Sowas gibt's? Wenn du dich bei diesem Gedanken ertappt hast, stehst du sicher nicht alleine da. Das Wissen um und über das a_sexuelle Spektrum ist auch heute noch dürftig und gespickt mit Vorurteilen. In diesem Workshop wird damit aufgeräumt: Du lernst das Wichtigste über A_sexualität kennen und kannst in Diskussionen überlegen, woher die Unsichtbarkeit kommt, welche Folgen sie hat und wie man A_sexualität sichtbarer gestalten könnte.
Wenn du neugierig bist, gerne Lösungen entwickelst oder selbst darüber grübelst, a_sexuell zu sein, bist du hier richtig!

Samstag

8. Beziehungskisten öffnen?! Bedürfnisse und Wünsche in Beziehungen sichtbar(er) machen

In einer Gesprächsrunde möchten wir sexuelle Bedürfnisse und Wünschen in (alternativen) Beziehungskonzepten sichtbarer machen. In der queeren Szene werden traditionelle Beziehungskonzepte und -bilder oft neu gedacht. Doch wie können wir unsere sexuellen Beziehungen selbstbestimmt und bedürfnisorientiert abseits von gesellschaftlichen Normen gestalten? Wie können wir diese sexuellen Bedürfnisse überhaupt erst sichtbar machen - für uns selbst und unsere Partner*innen? Welche Ansätze und Strategien gibt es, um offen und wertschätzend über unsere sexuellen Bedürfnisse zu sprechen? Welche sexuellen Bedürfnisse werden mir zugestanden oder aber auch zugewiesen, je nachdem, als wer ich gelesen werde?
Diesen Fragen möchten wir uns in einer Gesprächsrunde von bis zu 7 Personen mit einer Mischung aus Erfahrungsaustausch der Erkenntnisgewinnung und Impulsen unsererseits widmen. Es ist nicht von Nöten die eigenen sexuellen Präferenzen oder Bedürfnisse in unserem Workshop zu teilen. Es geht uns eher um einen Erfahrungsaustausch darüber, wie solche Erkenntnisse gewonnen werden können und dem Anstoßen eines Prozess. Inspiration kann beim Durchgehen und eventuellem Besprechen von einer der vielen Yesnomaybe Listen aus dem Netz gefunden werden. Wir haben bereits eine rausgesucht. Andere Ideen sind ein Durchspielen des „Wheel of consent“ oder auf dieser Graphik zu finden.
Weitere Anregungen findet ihr in diesem Zeit Artikel.

Samstag

9. The Pregnant Man.

Mater semper certa est?
„Keine Eigenschaft der Welt ist weiblich oder männlich. Auch keine anatomische. Manche Männer menstruieren oder gebären, manche Frauen penetrieren oder werden nie eine Abtreibung brauchen.“ (Hengameh Yaghoobifarah)
Inspiriert von zwei Geschichten aus dem wunderbaren Sammelband „Nicht nur Mütter waren schwanger. Unerhörte Perspektiven auf die vermeintlich natürlichste Sache der Welt“ von Alica Tretau (Hg.in) wird im Rahmen einer lecture performance ein (unvollständiger) Blick auf das Thema der männlichen Schwangerschaften dargeboten. Schwangere Männer sind aufgrund ihrer Transidentitäten einem Risiko mehrfacher Stigmatisierungen ausgesetzt. Zugleich werden sie auch als Vorreiter inklusiven Realitäten gelesen- obwohl in Deutschland Transidentitäten immer noch strukturell pathologisiert werden. Anhand unterschiedlicher medialer Repräsentationen (z.B. Junior, The Man Who Gave Birth) wollen wir gemeinsam die (Un-)Sichtbarkeiten der männlichen Schwangerschaften reflektieren. Soweit es technische Ausstattung zulässt sind alle Teilnehmenden herzlich eingeladen im Anschluss an die Performance die Inhalte gemeinsam zu diskutieren. Die lecture performance ist offen für alle Interessierten.

Samstag

10. Vulnus vs. Vulva - Queere Leseweisen des Körpers Christi

Christus, der Herr; Christus, der Sohn Gottes; Christus, der Mann aus Nazareth. Nichts an diesen Bezeichnungen lässt einen Zweifel daran zu, dass Jesus Christus eindeutig männlich war. Auch die Kunstgeschichte scheint diese Eindeutigkeit zu kennen. Viele Darstellungen erotisieren und sexualisieren seinen Körper, wobei sein Geschlecht bewusst ins Bildzentrum gerückt wird. Doch wie ist mit dem nicht unerheblichen Bildbefund umzugehen, der dem männlichen Körper Christi offensichtlich weibliche Qualitäten zuschreibt?
Besonders die Buchkunst des Hoch- und Spätmittelalters, doch auch die Tafelmalerei späterer Epochen kennt Darstellungen, die aus heutiger Sicht queer erscheinen. So beschäftigen sich Kunsthistoriker*innen seit 20 Jahren vermehrt mit der Inszenierung der Seitenwunde Christi, deren „vulvale Präsenz“ in manchen Darstellungen nur schwer zu leugnen ist. Dennoch wird die Vulvenhaftigkeit der Seitenwunde immer wieder bestritten, was ein interessantes Licht auf die Frage nach der (Un-)Sichtbarkeit der Queerness des Körpers Christi wirft.
Der Workshop möchte ergründen, was die Künstler*innen vergangener Epochen dazu bewogen haben mag, die Seitenwunde derart sexualisiert in Szene zu setzen. Somit sollen neue alte Blickweisen auf den Körper Christi eröffnet werden. Zudem wird anhand der vaginalsierten Seitenwunden der Frage nachgehen werden, ob man moderne queere Leseweisen auf mittelalterliche Bilder anwenden darf, kann, muss.

Samstag

11. Transition, Subversion und Mut mit Paul B. Preciado

Was steht eigentlich in so einem Testogel-Beipackzettel? Was bedeutet Mut zur Selbstverwirklichung? Welche subversive Macht steckt in Transsexualität? Und wie mit Ungewissheit umgehen?
Diese und andere Fragen rund um Transsexualität bespricht Paul B. Preciado in seinen Büchern „Testo Junkie“ und „An apartment on Uranus“. Entlang einiger Ausschnitte wollen wir in diesem Workshop Körper, Transition, Subversion, Mut und Zweifel besprechen. Ziel ist es, eine Plattform des Austauschs zu schaffen und in Solidarität zusammenzukommen, um Fragen und Sorgen anzubringen. Das scheint besonders jetzt wichtig, da viele von uns ihre körperliche Transition pausieren müssen, sie sozial isoliert sind oder der Zugang und Kontakt zu anderen Transmenschen erschwert ist. Während des Workshops können persönliche Anekdoten und wissenschaftliche Beiträge eingebracht werden. Ganz im Sinne Preciados wollen wir also körperliches und theoretisches Denken zusammenbringen.
Die Teilnahme von Transmenschen ist explizit erwünscht. Die kurzen Textausschnitte erhaltet ihr vorab zur Vorbereitung per Mail.

Samstag